Tagebuchauszüge: Allgäuer Hochalpen
Schroff
Das Firnfeld beschwert sich knatschend über meine Durchquerung. Mein Atem zeichnet Wölkchen in die klare Dämmerungsluft. Die ersten Bergpieper trällern zum Morgengrau. Klackernd löst sich Geröll im Felssturz, ein bunter Mix Gämse nutzt die ruhige Zeit des Tages, vor der Unruhe, den stapfenden Wanderschuhen und brabbelnden Wandergruppen. Klackerndes Geröll gibt es aber nicht nur die vielen kleine Tritte, ganz gleich ob Gams oder Mensch. Die Klimakrise bringt die Alpen ordentlich zum "Federnlassen". Immmer schneller wechselnde Frost- und Tauzyklen, immer weniger Schnee, immer weniger Frost, steigende Mitteltemperaturen bis in die hohen Lagen und damit tauender Permafrost, tauendes Eis, fehlender Gletscherdruck. Die verbleibende Zeit des Eiszeitrelikt schnee- und gletscherbedeckter Alpen schmilzt dahin. Dahinschmelzen auch die verbleibenden Lebensräume zahlreicher Arten, die sich in die jeweiligen Höhenlagen und Mikroklimate eingenischt haben. Zu schnell geschieht der Wandel, von unten treibt die Temperatur, nach oben begrenzt der schroffe Fels, für viele bleibt kein Platz. Schroffe Zeiten in einer schroffen Welt. der Mensch schaut zu, baut Wege aus, steigert wo es geht die Hedonie des Bergerlebens. Es lässt sich schließlich wunderbar genießen, wenn die Hinweise auf die Dringlichkeit der Lage keinem Vorgehalten werden.Perspektivwechsel
Die Abendsonne kitzelt mein Gesicht. Kitzelnd auch die zahllosen Summenden mit ihren krabbelnden Beinchen und saugenden Rüsselchen und das ausfallende Winterfell und irgendetwas am Ohr. Im Ohr ein Rascheln. Raschelraschel. Die Wiese wackelt und raschelt. Raschelraschel. Hä?! Das war doch gestern so nicht, meinen Grat kenne ich schließlich wie meine Hufspalte. Pfiäsch! Entrutscht mir der Unmut. Außerdem sollte die anderen Bescheid wissen. Pfiäsch! Vielleicht irre ich mich ja auch, weitergrasen tut es auch. Besser jetzt - ein wenig Regen schnuppert sich schon aus der Luft und noch ist das Gras raschelig lecker. Raschelig, immer noch, gibt es doch nicht! Pfiäsch! Wie eine Raupe, aber so groß? Eine unbestimmte Neugierde überkommt mich. Etwas in mir will fort, aber ein größerer Teil will herausfinden. Immerhin ist dies mein Grat, meine Welt und die taugt mir nur solang, wie ich sie wie meine Hufspalte kenne! Ohnehin gibt es schon die ganze Zeit komische Bewegungen von komischen Gestalten und des Nachts verschwindet unsereine so manches Mal nach einem Knall. Meistens zwei Beine - komisch, aufrecht - komisch, keine Hörner - komisch, ungelenk - komisch.Schleierhaft
Seeforellen stoßen ihre Ringe in die Oberfläche des Eissees. Kreieren ihre eigenen kleinen Kunstwerke. Langgezogene Linien schneiden Rückenflossen in die kreisrunden Wellengebilde, deren Mitten bis vor kurzem noch emergierende Eintagsfliegen waren. Irgendwo dazwischen quert ein Paar Stockenten eines der gespiegelten Schneefelder. Farbtupfer im Monochrom. Muster entstehen, verschwinden, arrangieren sich neu. Das miteinander auf dem Wasser lässt den See in einer eigenen Sprache sprechen, während die hinaufziehenden Wolkenvorhänge die Vorstellung beenden. Aber der See murmelt gewiss weiter seinen ewigen Monolog. Nur wie lang noch? Werden die Vorhänge vor der menschlichen Wahrnehmung aufziehen und die Vorstellung darf weitergehen?Slalom
Birkhühner stehen früh auf - leider. Um genau zu sein: Wir müssen früh aufstehen, denn sie sind an unserem Morgen besonders gut zu beobachten. Ob sie früh aufstehen - wer weiß. Ihr sonstiges Tagesgeschäft entgeht auch den aufmerksamsten Beobachtenden. Geheimniskrämerei also. Hilft ja nichts, also früh raus, oder spät los, wie man es nimmt - Nachts halt. Im Lichtkegel der Kopflampe Slalom. Slalom um die Wurzeln, Steine ... und Kühe. Ein wenig gegenseitiges Misstrauen - man sieht schließlich nicht viel voneinander. Aber mit respektvollem Abstand lässt es sich gut miteinander auskommen. Bezähnte Grate fletschen ihre Beißer gen schwarzblauen Sternenhimmel. Leise durchschnitten von einzelnen Sternschnuppen glimmt die erste Glut hinterm Horizont. Im Zwielicht leuchtet schon der Neuschnee der letzten Nacht auf den Nordhängen. Ja - Schnee im Juni. Wer dort oben wohnt weiß das, weiß auch auszuharren, abzuwarten, unterm Schnee das welke Grün des letzten Sommers oder frisches Grün der ersten Sommersonne zu suchen. Slalom bergauf, um und durch Schneefelder, Solchen denen der Neuschnee keinen Einhalt gebieten kann sind die Bergpieper. Emsig trällert es da aus und über den Hängen, zu kostbar ist die wenige Zeit zwischen dem Schnee. Ihr Lebensrhythmus lässt ihnen keine Pause, fast wirkt es so als wäre all das in ihrem Gesang vertont. Empört über das durch meine Kartierarbeiten kurzzeitig neu erschienene Männchen im längst geordneten Revierensemble, beschimpft mich ein Alpenschneehuhn. Verständlich! Im Hintergrund meiner Klangattrappe piept eine Kohlmeise. Der Schneehahn der da aus meiner Box knarrt hat wohl nie die ungebändigten, ständig veränderlichen Felshänge durchlaufen. Wobei ungebändigt und Alpen nur bedingt zusammenpassen. Das was hier gern als wild und unbändigbar beschrieben wird, müsste bei genauer Betrachtung als Bändigung in Reinform verstanden werden. Die meisten Hänge sind von der Beweidung durchsetzt von langen Treppenstufen. Zurückgedrängt sind dort die Latschen und Grünerlen, die sonst mit langen Fingern die Grate empor greifen. Auch ein Großteil der Pflanzenpracht wäre ohne eine gewisse Beweidung kaum anzutreffen. Beweidung wiederum hat in ihrem Ursprung wenig naturschützerische Intention. Ursprünglich Nahrungserwerb, Hangfestigung, Senkung der Lawinengefahr im Winter. Eine andere Form der Bändigung, das "Heuen" welches vor Zeiten des Imports von Futtermitteln die Winternahrung fürs Vieh stellte wurde mittlerweile nahezu gänzlich aufgegeben. Damit verschwunden eine Kulturlandschaft, die Heuwiesen - auch Mähder genannt - mit ihren Heuhüttchen und Scheunen, ihrer Blütenpracht und einer an diese Bewirtschaftung angepasste simple und entbehrungsreiche Lebensweise. Dem Berg und der Mitwelt nur insofern aufgedrängt, als das es das Überleben sicherte. Eine Lebensform die in der Zwiesprache mit dem Berg existierte, musste solchen weichen, die einen Monolog mit sich selber führen. Einer Lebensform, bei der Demut und Respekt vor dem Andersartigen, zumeist längst der Abenteuersucht und der Selbstbehauptung weichen mussten. Wo ein risikoreicher Alltag einst Notwendigkeit war, wo das Diktat der Berge und ihres Kosmos hingenommen werden mussten, meint ein gewisser Anthroponarzissmus der Bergwelt sein Diktat aufzwingen zu können.Sommermorgen
Schneetälchen an Firnfeld. Die Polsterseggen kuscheln dicht an dicht auf dem Kalkschutt. Zwischen Schutt und Moospolster hascht eine Stumpfblättrige Weide nach Licht. Am felsgestürzten Grat klettert die Sonne empor und streichelt die jäh gelbleuchtenden Trollblumen am Gipfel. Tikelik - kekik - telik - tik - tik - telik - kikirik - kerik. Kratzig wie der verwitterte Kalk verlangt jemand zwischen schwirrenden Bergpiepern nach Aufmerksamkeit. Dort im Grat, verschlafen noch, gleich schon voller Freude ob der Sommermorgensonne, dabei ganz anmutig. Beige und grau wie der Kalk, schwarz wie der Humus, weiß wie das Firnfeld, rot wie die Alpenrosen. Verschmitzt, rau und gut getarnt. Fast selbst wie Feld geworden. Aber vergänglicher ... und beweglicher. Nur heute morgen nicht. Kleiner Freibeuter im Felsmeer. Schmetterlingsflug
Tanzende Farbkleckse über farbbeklecksten Matten. Blauglitzerndes Schwarz, Orange in Grau, schwarz durchzogenes Weiß, schillerndes Blau, mattes Silber orange-weiß durchsetzt. Das alles vor pinkblauweißgelb getupfter, grüner Leinwand. Mannigfaltiger Schmetterlingsflug, darunter Dunkle Alm-Zünsler (Metaxmeste phrygialis), Grünschillernde Erebien (Erebia tyndarus), Bergweißlinge (Pieris bryoniae) und Helle Alpenbläulinge (Agriades orbitulus). Wie im Schmetterlingsflug tanzen dahinter einige Steinböcke durch den Fels, wohl eine Mutter mit ihren drei Kleinen. Bloß ein Jahr alt und schon trittsicher wie die Mutter, so etwas muss dir in den Genen liegen, dafür spricht wohl auch die wahrscheinlichste Todesursache für Steinböcke - Alterstod! Ein anderer schmetterlingshafter stürzt sich Tag für Tag in den Perspektivwechsel zwischen Vertikale und Horizontale. In der Horizontale geschickt von Felswand zu Felswand gaukelnd. In der Vertikalen, athletisch der Schwerkraft zu trotz, mit jedem Schritt einen roten Tupfer ins Felsmonochrom zaubernd.